Erste Hilfe bei Flüssigkeitsschäden

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Wie verhält man sich richtig, nachdem man Flüssigkeit über die Tastatur geschüttet hat oder von der Seite her etwas in das Notebook gelangte?

Wichtigster Grundsatz:

Nicht einschalten, solange der Rechner nicht zerlegt und untersucht wurde!!! Rechner ausschalten, Netzteil abklemmen, Akku ausbauen!!!

Daran denken:

  • Auch im ausgeschalteten Zustand steht das Systemboard unter Strom, solange Akku und/oder Netzteil angeschlossen sind.
Spätschäden eines Flüssigkeitskontakts nach Säubern des Boards

Manche User sind der Auffassung, dass es ausreicht, den Rechner trocknen zu lassen oder arbeiten einfach weiter, weil das Notebook nicht ausgegangen ist. Der Stromduchfluss (auch wenn kein Kurzschluss entsteht) setzt einen Elektrolysevorgang in Kraft, der langsam die Kupferleiterbahnen auflöst. Säuren, Salze und andere Stoffe in den Flüssigkeiten zerfressen auch nach Trocknung Leiterbahnen und Anschlüsse der elektronischen Bauteile auf dem Systemboard.

Daher muss nach Flüssigkeitskontakt der Rechner auf alle Fälle zerlegt, auf Flüssigkeitsspuren hin untersucht und ggf. gereinigt werden!!


Wenn man sich strikt an die unten beschriebenen Maßnahmen hält, liegt die Erfolgsquote bei weit über 75%!!!


Folgende ThinkPad - Modelle besitzen die Ablauföffnung für Flüssigkeiten in der Tastaturwanne mit Ablauf durch das Gehäuse:

  • Thinkpad 240er
  • A20 und neuer
  • T20 und neuer
  • R40 und neuer (ältere R-Modelle wurden noch nicht überprüft)
  • X20 und neuer
  • L412/L512 und neuer
  • W500/W700 und neuer

Die Ablauföffnung ist von oben i.d.R. durch eine Aussparung des Tastaturwannenrandes im Bereich der <Alt> und Leertaste (linker vorderer Rand), sowie bei vielen Thinkpads von unten in Form einer oder mehrerer Bohrung(en) mit einem Tropfensymbol erkennbar (bitte nicht danach schauen, wenn die Tastatur "unter Wasser" steht!!)

  • Bei älteren Modellen wie A30 oder R40 befindet sich die Ablauföffnung am Rand des Akkuschachts in der Nähe des Entriegelungsschiebers. Der Akku weist in diesem Bereich eine kleine Aussparung auf, ähnlich auch bei T20-23.
  • Das Thinkpad 240 besitzt eine trichterförmige "Auffangwanne" unter der linken Maustaste, aus der durch eine Bohrung die Flüssigkeit über einen rechts des Cardbusschachtes angebrachten Kanal durch ein kleines Gitter an der Vorderseite des Notebooks hinausgeleitet wird.
  • Beim X40 tritt die Flüssigkeit durch zwei rechteckige Öffnungen im Wannenboden sowie durch die Ritzen des RAM-Deckels aus.
  • X2* und X3* besitzen die Ablauföffnungen am Rand der Tastaturwanne nahe der "Alt"-Taste bzw. unter der mittleren Maustaste mit einem Durchlass in den Akkuschacht bzw. eine rechteckige Öffnung im Wannenboden ca. 4 cm von der Vorderkante entfernt.
  • Das T420 besitzt schlitzförmige Ablauföffnungen, eine etwa unter der rechten Shift-Taste und eine in Höhe der Deckelentriegelung nahe der Vorderkante.
  • Das T430 hat gar keine Wanne mehr, nur noch die Ablauflöcher.


Flüssigkeit auf der Tastatur

Es sollte jedem klar sein, dass "auf die Seite Kippen" des Notebooks, um die Flüssigkeit von der Tastatur ablaufen zu lassen, genau die falsche Maßnahme wäre, weil die Flüssigkeit in diesem Fall zwischen Tastatur und Tastaturumrandung in das Notebookinnere laufen würde.


Die ersten Schritte sollten sein:

  • sofort Notebook ausschalten
  • Netzstecker ziehen
  • warten, bis Flüssigkeit abgelaufen ist, ggf. mit Küchentüchern sanft nachhelfen, inden man es/sie mit der Kante zwischen die Tasten hält (nicht presst), gegebenenfalls Flüssigkeitsspritzer vom Display entfernen
  • Akku ausbauen (hierzu das Notebook nicht kippen, sondern besser etwas über die Tischkante schieben, dass man an Akku nebst Verriegelung gelangt.)
  • entlang des Randes der Tastaturwanne - vor allem im Bereich der Ablauföffnungen an der Vorderkante - mit Küchentüchern möglichst viel Flüssigkeitsreste aufsaugen
  • ein paar Küchentücher oder vergleichbar saugfähiges dünnes Material auf die Tastatur legen, entlang der Tastaturränder auch ein wenig unter die Tasten schieben
  • Ultrabay-Laufwerk ausbauen
  • Flüssigkeit gründlich aufnehmen und Rest weitgehend trocknen lassen
  • Deckel vorsichtig schließen (hierbei ein bis zwei Küchentücher auf der Tastatur belassen, damit keine Restflüssigkeit beim nächsten Arbeitsschritt auf den Bildschirm laufen kann
  • Notebook umdrehen, Schrauben für Tastatur und Handauflage entfernen
  • Notebook wieder wenden, Display aufklappen, Tücher entfernen und ggf. Display trocknen
  • Tastatur und Handauflage ausbauen. Beim Ausbau der Tastatur müssen beim Anheben derselben die hinten ansammelnden Flüssigkeitsreste mit saugfähigem Tuch aufgenommen werden, damit sie nicht über die hintere Tastaturwannenkante auf das Board laufen.
  • BIOS-Batterie abziehen
  • Board freilegen und eventuell vorhandene Flüssigkeitsreste mit einem Küchentuch aufnehmen
  • weiter mit "Weitere Maßnahmen"

Flüssigkeit von der Seite ins Notebook gelangt

Ist Flüssigkeit von der Seite in das Notebook gelaufen:

  • sofort Notebook ausschalten
  • Netzstecker ziehen
  • Notebook bei geöffnetem Deckel sofort hochkant auf die Seite, von der aus die Flüssigkeit in das Notebook gelangt ist, stellen und Akku ausbauen
  • Flüssigkeit ablaufen lassen, bis nichts mehr nachläuft (durch Umsetzen des Notebooks um ein paar cm. weiter prüfen) und währenddessen die Schrauben für Tastatur und ggf. Handauflage entfernen
  • läuft nichts mehr nach, Notebook auf die Füße stellen und Board freilegen
  • weiter mit "Weitere Maßnahmen"


Weitere Maßnahmen

  • Rechner unter Zuhilfenahme des Hardware Maintenance Manuals komplett zerlegen. Es reicht NICHT, nur die sichtbaren Bereiche der Board-Oberseite einer Sichtprüfung zu unterziehen.
  • Sämtliche Komponenten gründlich unter Zuhilfenahme einer starken Lupe auf Flüssigkeitsspuren untersuchen - im Zweifelsfall die Komponente als "kontaminiert" einstufen.
  • Die "kontaminierten" Komponenten von allen Aufklebern, Pads und Folien befreien (am Besten deren Positionen vorher notieren bzw. skizzieren), da Isopropanol den Kleber löst und um sicherzustellen, dass unter die Folien und Pads gelaufene Flüssigkeitsreste ebenfalls entfernt werden
  • Der nächste Arbeitsgang hängt ab von der Flüssigkeitsart, die ins Notebook gelaufen ist:
    • Ist lediglich Wasser in den Rechner gelaufen, wird das System Board und alle betroffenen Komponenten mit Isopropanol gewaschen und mehrmals abgespült. Das System Board beim Abspülen schräg halten, damit das Isopropanol auch unter die Chips fließen kann, um dort Wasserreste zu verdrängen.
    • Bei Flüssigkeiten, die Zucker oder andere Stoffe enthalten, die "kontaminierten" Komponenten mit destilliertem Wasser bzw. destilliertem Wasser-Isopropanol-Gemisch gründlich abwaschen, mehrmals damit auch abspülen und hierbei das Board immer wieder schräg halten, damit die Reinigungslösung auch zwischen Chips und Board die Verunreinigungen auswaschen kann.
Abschließend mit Isopropanol abspülen. Auch hier darauf achten, dass das Isopropanol unter die Chips und anderen elektronischen Bausteinen fließen kann.
Gegebenenfalls mit einem Borstenpinsel hartnäckige Verschmutzungen entfernen. Das Board beim abschließenden Spülen mit Isopropanol schräg halten, damit die Reinigungslösung zwischen Chips und Board ausgespült wird.
  • Alle gereinigten Komponenten mindestens zwei bis drei Tage gut trocknen lassen. Eine Wärmequelle (Heizkörper) in der Nähe oder Druckluft beschleunigt die Trocknung. Auf keinen Fall die Teile zum Trocknen auf den Heizkörper legen! Temperaturen über 40°C können das Board schädigen! Tastaturen können gut und gerne fünf Tage und länger brauchen, bis die Flüssigkeit zwischen den Folien unter den Tasten verdunstet ist.
  • Nach der Trocknung das Notebook zusammenbauen (frische Wärmeleitpaste für die CPU nicht vergessen!) und einschalten.

Hinweise

  • Unter "Weblinks" findet man zusätzliche Sicherheitshinweise im Umgang mit Isopolyalkohol (= Isopropanol, 2-Propanol) - bitte vor Arbeit mit diesem Stoff diese beachten!!!!
  • Das Notebook muss auch zerlegt werden, wenn auf der Boardoberseite keine Flüssigkeitsspuren erkennbar sind. Es kann sich dennoch Flüssigkeit im Wannenboden angesammelt oder zumindest die Boardunterseite benetzt haben.
  • Zur Reinigung sollten ausschließlich destilliertes Wasser bzw. destilliertes Wasser-Isopropanolgemisch und anschließend Isopropanol verwendet werden. Bei Verwendung von Isopropanol ist auf sehr gute Belüftung zu achten. Kein offenes Feuer, nicht rauchen!!!
  • Nach erfolgter Reinigung der Komponenten diese zwei bis drei Tage gründlich trocknen lassen. Wartet man nicht ausreichend lange, befinden sich noch Flüssigkeitsreste unter den Chips und BGA (Grafikchip, North-, Southbridge) und anderen großflächigen Bausteinen.
  • Leitungswasser enthält Salze, die Wasser elektrisch leitfähig machen und außerdem die metallenen Oberflächen angreifen kann. Ethanol (Brennspiritus) ist vergällt, was sich als heller Schmierfilm nach Verdunsten des Spiritus auf der Oberfläche zeigt. Daher weder Leitungswasser noch Brennspiritus verwenden.
  • Sollte das Notebook nach erfolgter Reinigung, Trocknung und Zusammenbau keine Lebenszeichen von sich geben, kann dies an der Tastatur (Powertaste) bzw. durchgebrannten Sicherungen auf dem Board liegen.
  • Tastaturen können nicht in allen Fällen vollständig wiederbelebt werden. Hier hilft nur ein Austausch.

Problem: Tastatur

Nach Abschluss der Arbeiten kann es vorkommen, dass der Rechner sich seltsam verhält:

  • Bei Anschließen des Netzteils startet unvermittelt der Rechner
  • Nach Starten des Rechners schaltet er unvermittelt noch vor/bei Erscheinen des Bootlogos ab
  • Rechner reagiert nicht auf Drücken des Powerschalters, obwohl eine oder mehrere LEDs leuchten
  • einige Tasten (meist in einer Spalte angeordnet) reagieren nicht

Zur Eingrenzung des Fehlers hilft einer der folgende Tricks:

  • Tastatur ausbauen, Notebook docken und über den Powerschalter der Dock einschalten

oder

  • Tastaturstecker am Board ein wenig lockern
  • Rechner einschalten und sofort Tastaturstecker abziehen

Startet der Rechner jetzt ohne Probleme, befindet sich noch Flüssigkeit zwischen der Leiterfolie in der Tastatur bzw. die Tastatur hat den Flüssigleitsschaden nicht "überlebt"

Durch fehlende Luftzirkulation kann es eine bis mehrere Wochen dauern, bis die Flüssigkeit zwischen den Folienleiterbahnen der Tastatur verdunstet ist. Selbst danach ist es nicht immer sicher, dass alle Tasten noch funktionieren.

In den meisten Fällen ist es am sinnvollsten, die Tastatur durch eine neue zu ersetzen.


Weblinks


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